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Themis mit erster Evaluation ihrer Arbeit

Am 1. Oktober 2018 startete Themis, die Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche. Nun, 1 1/2 Jahre später legt die Beratungsstelle Ergebnisse einer ersten Evaluation vor.

 

So wurden der Themis Vertrauensstelle in der Zeit vom 1. Oktober 2018 bis zum 31. März 2020 insgesamt 255 Fälle von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz mitgeteilt. Die Beraterinnen, eine Psychologin und eine Juristin jeweils in Teilzeit, führten im Evaluationszeitraum über 500 Beratungsgespräche.

 

Kulturstaatsministerin Monika Grütters: „Das Ausmaß sexueller Belästigung und Gewalt im Kultur- und Medienbereich ist erschreckend. Mein Dank gilt allen Themis-Mitarbeiterinnen, die den Betroffenen zur Seite stehen. Ich war von Anfang an davon überzeugt, dass wir eine unabhängige Vertrauensstelle für diese Branchen brauchen. Aus diesem Grund ist mein Haus für die Anschubfinanzierung der Themis in Vorleistung gegangen und hat die Entwicklung dann intensiv begleitet. Dass wir damit ganz offensichtlich den richtigen Weg eingeschlagen haben, belegen die nun vorgelegten Daten zweifelsfrei. Meine Schlussfolgerung ist ganz klar: Wir brauchen einen grundlegenden Kulturwandel in allen Kreativbranchen! Deshalb ist es wichtig, dass sich noch mehr Verbände der Themis anschließen.“

 

Eva Hubert, Vorstand Themis Vertrauensstelle: „Die hohe Zahl an Anrufen zeigt, dass Themis in den von ihr betreuten Branchen ein hohes Maß an Vertrauen besitzt. Uns ist es gelungen, ein niedrigschwelliges Beratungsangebot aufzusetzen, mit dem wir sachkundige und branchenspezifische Unterstützung anbieten und Betroffenen helfen, eigenverantwortlich und selbstbestimmt Entscheidungen für den für sie richtigen Umgang mit dem Vorfall zu treffen. Dennoch ist in der Branche noch viel Arbeit zu tun, um einen echten Kulturwandel anzuschieben.“

 

Horst Brendel, Vorstand Themis Vertrauensstelle, ergänzt: „Im ersten Jahr der Themis Vertrauensstelle haben es nur sechs Betroffene gewagt eine Beschwerde an den Arbeitgeber zu richten, bis März 2020 waren es neun Beschwerden. Wir haben es in der Branche also immer noch mit einer Kultur des Schweigens zu tun. Wirkliche Änderungen erreichen wir aber nur, wenn Frauen und Männer auf die Vorfälle bei ihren Arbeitgeber*innen aufmerksam machen und eine Verhaltensänderung einfordern. Wir verstehen uns aber auch als Partner der Unternehmen und Institutionen der Kulturbranche und bieten Expertise zu Themen wie die Umsetzung des AGG, geeignete Präventionsangebote und Best Practice-Umgang mit spezifischen Situationen an.“

 

Die Evaluation bestätigte noch einmal deutlich, dass von sexueller Belästigung und Gewalt überwiegend Frauen betroffen sind. Die Anzahl der bei der Themis Vertrauensstelle gemeldeten Übergriffe an Frauen überwog mit über 85% deutlich. Umgekehrt gingen Belästigungen oder Missbräuche in so gut wie allen Fällen von Männern und nur in Ausnahmen von Frauen sowie in fast 80% der geschilderten Belästigungssituationen von Vorgesetzten oder höhergestellten Personen aus.

 

Die gemeldeten Fälle waren in ihrer Mehrheit aktuell und lagen zum Zeitpunkt ihrer Meldung nicht länger als 2 Jahre zurück. Nur in Einzelfällen wurden Übergriffe gemeldet, die vor über 5 Jahre stattfanden.
 

Der Vertrauensstelle hatte mit einer großen Bandbreite von sexuellen Belästigungen und Gewalt zu tun. Die Mehrzahl der Fälle waren verbale und non-verbale sexuelle Belästigungen, wonach laut Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz (AGG) beispielsweise dauerhafte sexualisierte Anmachen, Beleidigungen mit sexuellem Inhalt, taxierende Blicke, zweideutige Gesten oder Posen, sexistische Bilder am Arbeitsplatz oder auch Androhungen beruflicher Nachteile bei sexueller Verweigerung gehören. In etwa zwei Fünftel der Fälle ging es um körperliche sexuelle Belästigungen, wie unerwünschte Berührungen, sexuelle Nötigung und körperliche Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen.
 

Unabhängig vom objektiven Schweregrad der Belästigung ist das individuelle Erleben sehr unterschiedlich. Das Credo der Themis Vertrauensstelle wird es deshalb auch weiterhin sein, mit großer Sorgfalt und Ernst allen Fällen gleichermaßen Beachtung zu schenken.

 

Über Themis Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt e.V.:
Themis Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt wurde von siebzehn Brancheneinrichtungen der Film-, Fernseh- und Theaterbranche gegründet. Dazu gehören ARD, ZDF, Bundesverband Casting, Bundesverband Regie, Bundesverband Schauspiel, Bundesvereinigung Maskenbild, Deutsche Akademie für Fernsehen, Deutsche Filmakademie, Deutscher Bühnenverein, Interessenverband Synchronschauspieler, Pro Quote Film, Verband der Agenturen, Verband Deutscher Nachwuchsagenturen, Produzentenverband, Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen, Verband Privater Medien, Ver.di.

Namenspatin ist die griechische Göttin Themis; sie tritt für Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt ein.
 
Finanziert wird die Vertrauensstelle durch Beiträge öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehsender, der Allianz Deutscher Produzenten, der Verwertungsgesellschaft der Film- und Fernsehproduzenten und dem Deutschen Bühnenverein. Die Vertrauensstelle Themis erhält öffentliche Förderung von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters.

Vertrauensstelle Themis veröffentlicht erste Studie

Welche Rolle spielen Grenzen im zwischenmenschlichen und professionellen Umgang in der Film-, Fernseh- und Bühnenbranche? Welche Erfahrungen machen Kulturschaffende mit Grenzverletzungen und Belästigung, wie reagieren sie darauf? Welche Hürden und Befürchtungen hindern sie daran, Unterstützung zu suchen und sich zu wehren? Weiterlesen