Wie finanziert man unabhängigen Journalismus?

12.07.2017. Der diesjährige M100 Young European Journalists Workshop (M100YEJ) in Potsdam unterstützt junge Journalisten aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft und Russland bei der Gründung unabhängiger journalistischer Projekte.

Über 60 hochqualifizierte junge Journalistinnen und Journalisten aus allen Ländern der Östlichen Partnerschaft (Armenien, Aserbaidschan, Weißrussland, Georgien, Moldau und Ukraine) sowie aus Russland haben sich in diesem Jahr für den M100 Young European Journalists Workshop (M100YEJ) unter dem Titel „Wie man unabhängigen Journalismus finanziert – Ausbildung, Plattformen und Geschäftsmodelle“ beworben.

15 Bewerber wurden ausgewählt, um vom 8. bis 14. September in Potsdam gemeinsam an Konzepten für unabhängige journalistische Plattformen und Projekte zu arbeiten und mit Hilfe professioneller, erfahrener Trainer verschiedene Finanzierungsmodelle vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Heimatländer zu entwickeln.

Denn die Herausforderungen und Hürden in diesen Ländern sind besonders hoch. Die Medien befinden sich oft in staatlicher oder privater Hand und dienen vor allem dazu, politische und ökonomische Interessen ihrer Eigentümer oder der Regierung  zu unterstützen. Die Betreiber der wenigen existierenden unabhängigen journalistischen Portale und Medien leiden dagegen häufig unter großem politischen und ökonomischen Druck oder werden sogar bedroht. So sind Medien, die objektive, verlässliche Informationen bieten, nur dünn gesät, was wiederum der Verbreitung von Propaganda Tür und Tor öffnet.

Tatiana (23) aus Russland, die für den diesjährigen M100YEJ ausgewählt wurde, hat die Berichterstattung über den Russisch-Ukrainischen Konflikt in russischen und ukrainischen Medien miteinander verglichen. Ergebnis: „Beide Seiten nutzen Medien als Propagandawerkzeug, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Das führt zu einer Eskalation in der zwischenmenschlichen Kommunikation und steigert die Aggressionen zwischen zwei benachbarten Staaten, die eine gemeinsame Geschichte, Kultur und Religion miteinander verbindet.“
Manvel (26) aus Armenien glaubt, dass es einen positiven Effekt auf die Denkweisen seiner Landsleute hätte, wenn Medien tiefgehende Analysen des seit Jahrenschwelenden Konflikts um die autonome Region Berg-Karabach anbieten würden. „Im Allgemeinen sind Armenier nicht besonders interessiert an alternativen Nachrichten über die Gegenseite. Denn der Großteil glaubt, dass traditionelle Medien die ultimative Wahrheit über den Konflikt anbieten. Das kommt daher, weil es zu wenige unabhängige Medien gibt, die einen unverfälschten Einblick in den anhaltenden armenisch-aserbaidschanischen Konflikt geben.“ Unabhängiger Journalismus könne sich nun einmal nicht in einem Umfeld entwickeln, das unabhängigen Journalismus weder unterstützt noch finanziert.

Beim M100YEJ erfahren Tatiana, Manvel und ihre Kolleginnen und Kollegen nicht nur, wie man ein unabhängiges Medium oder journalistisches Projekt gründet, wie man Marketing betreibt und Zielgruppen aufbaut, sie werden darüber hinaus mit potentiellen Unterstützern und Finanziers zusammengebracht, um ihre Projekte auch realisieren zu können.

Zudem haben die Teilnehmer die Möglichkeit, in verschiedenen Medienunternehmen in Berlin wie Deutsche Wellerbb, Die Welt und Alex TV eine zweitägige Hospitanz zu absolvieren.
Zum Abschluss nehmen sie am M100 Sanssouci Colloquium teil, das am 14. September über 70 internationale Chefredakteure, Historiker und Vertreter  politischer Organisationen unter dem Titel „Demokratie oder Despotie? Die Renaissance der dunklen Mächte“ in die Orangerie von Potsdam-Sanssouci einlädt.

Der M100YEJ wird unterstützt vom Auswärtigen Amt und der ZEIT-Stiftung. Er findet statt in Kooperation mit Netzwerk RechercheEuropean Youth PressPress Club Belarus, Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ)Orange Magazine und dem Verein junger Journalisten in Armenien.

 

 

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