Nicht ganz koscher

19.06.2017. Das Programm des 23. Jüdischen Filmfestival Berlin & Brandenburg: Von Liebesgeschichten, Schweinefleisch, Transsexuellen, Gastrokritikern, vergessenen Helden und einem 100-jährigen Jubiläum. 44 Spielfilme, Dokumentarfilme und Kurzfilme Filme aus Ungarn, Frankreich, USA, Österreich, Israel, Hong Kong, Australien, Kanada und der Schweiz sind bei der 23. Ausgabe des Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg vom 2. Juli bis 11. Juli in 14 Spielstätten unter dem Motto „Nicht ganz koscher“ zu sehen. Das Festival bietet aktuellen jüdischen und israelischen Filmen sowie Kulturveranstaltungen eine Plattform, um jüdisches Leben abzubilden, offenen, aber auch verdeckten Antisemitismus entgegen zu treten und an die Vergangenheit zu erinnern.

Eröffnungsgala mit „Die Geschichte der Liebe“ am 2. Juli in Potsdam

Eröffnet wird das Festival am Sonntag, 2. Juli um 19.30 mit der Deutschlandpremiere von „Die Geschichte der Liebe – The History of Love“ vom rumänisch-französischen Regisseur Radu Mihăileanu („Der Zug des Lebens“) im Rahmen einer festlichen Gala im Hans Otto Theater in Potsdam. Unter den Gästen sind der Regisseur selbst, der Hauptdarsteller Sir Derek Jacobi („The King’s Speech“, „Gladiator“), Brandenburgs Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke, der Berliner Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung Dr. Dirk Behrendt, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Dr. Josef Schuster und Festivaldirektorin Nicola Galliner. Moderiert wird die Gala von radioeins Filmkritiker Knut Elstermann. Musikalisch begleitet wird die Eröffnung durch Alma Sadé (Gesang) und Christoph Israel (Klavier). „Die Geschichte der Liebe“ ist die meisterhafte Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Nicole Krauss.

Der Verleih Prokino zeigt den Film in einer Pressevorführung am Donnerstag, 22.06. um 9.30 Uhr im SOHO House (Anmeldung unter g.meuser@filmpresse-meuser.de bzw. c.schaffrath@filmpresse-meuser.de).

Festivalhighlights / Spielfilme (Auswahl)

Die Tragikomödie „Personal Affairs“ von der palästinensischen Filmemacherin Maha Haj feiert nach ihrer Festivalteilnahme in Cannes und Haifa ihre Deutschlandpremiere auf dem diesjährigen JFBB. In ihrem ersten Spielfilm erzählt Maha Haj mit staubtrockenem Humor und leiser Melancholie von drei Generationen einer palästinensischen Familie und ihren verschiedenen Lebensentwürfen über Grenzen hinweg und zeigt ganz nebenbei wie Palästinenser in Israel leben, jenseits von Klischees und Nachrichtenbildern. Die Kulturjournalistin Sophie Albers Ben Chamo führt in den Film ein.

Bruno Ganz spielt die Hauptrolle in „Un Juif pour l’exemple“ des schweizer Regisseurs Jacob Berger. Der beklemmende Spielfilm, ausgezeichnet mit dem Schweizer Filmpreis, erzählt die wahre Geschichte des Mordes an einem Berner Juden im Kriegsjahr 1942 in der französischen Schweiz durch einheimische Nationalsozialisten. Die Direktorin des Jüdischen Museums in der Schweiz, Dr. Naomi Lubrich, ist zu Gast bei der Vorführung und im Anschluss im Gespräch mit Moderatorin und Autorin Amelie Fried.

Zwei ungleiche Schwestern versuchen in Avi Neshers wahrer Geschichte „Past Life“ Ende der 1970er Jahre in Israel der dunklen Vergangenheit ihres Vaters auf die Spur zu kommen. Nach Erfolgen beim Toronto International Film Festival und dem New York Jewish Film Festival ist der Film auch beim JFBB zu sehen. Darsteller Rafael Stachowiak und Ella Milch-Sheriff, eine der Schwestern, die gleichzeitig die Musik zum Film komponiert hat, sind bei den Vorführungen zu Gast. Prof. Frank Stern führt in den Film ein.

Festivalhighlights Dokumentationen (Auswahl)

Der Dokumentarfilm „Auf Ediths Spuren“ von Peter Stephan Jungk macht sich auf die Spurensuche nach Edith Tudor-Hart, der Großtante des Regisseurs. Einem Politthriller gleich, liefert er das Porträt einer Frau, deren fotografisches Werk und Arbeit als Spionin für den KBG bis heute kaum bekannt sind. Akribisch zeichnet er ihren Weg nach, von der Kindheit in Wien, ihrer Affäre mit einem Sowjetspion, ihrem Job bei der Nachrichtenagentur TASS und Botendienste für Komintern bis zu ihrer Heirat mit dem Engländer Alexander Tudor Hart. Der Regisseur selbst und die Produzentin des Films Lilian Birnbaum sind bei der Deutschlandpremiere zu Gast. Esther Schapira wird am 9. Juli nach der Vorführung des Films ein Gespräch mit Peter Stephan Jungk führen.

Laura Gabberts Dokumentation „City of Gold“ über den amerikanischen Gastrokritiker Jonathan Gold porträtiert den exzentrischen Foodkritiker, der als erster Journalist mit seinen Restaurantbesprechungen in der L.A. Times den Pulitzerpreis gewonnen hat. Gold beschreibt dabei weniger gefeierte Sterneköche als vielmehr kleine Restaurants, Familienbetriebe und Streetfood in ethnischen Vierteln. Die Dokumentation kommt nach der Weltpremiere beim Sundance Film Festival zur Deutschlandpremiere nach Berlin.

Uncle Gloria: One Helluva Ride!“ ist die unglaubliche, aber wahre Geschichte von Onkel Butch, einem bulligen Macho und Gebrauchtwagenhändler mit üblem Ruf, der sich auf der Flucht vor der Polizei als Frau verkleidet. Eher zufällig entdeckt er sich dadurch neu und lebt fortan als Gloria Stein. Der Film dokumentiert seine Transformation bis zur endgültigen Geschlechtsanpassung mit 66 Jahren.

Die Dokumentation über die florierende israelische Schweinefleischindustrie „Praise the Lard“ verkörpert das Festivalmotto „Nicht ganz koscher“ im wörtlichen Sinne. Chen Shelach, der bei der Deutschlandpremiere seiner Dokumentation zu Gast ist, zeigt das Tabu ums Schweinefleisch als Geschichte eines Kulturkampfes in Israel.

Albert Einstein kannte ihn und sagte: „Nie kam ich in Kontakt mit einem so edlen, so starken und so selbstlosen Menschen wie ihm“. Die Rede ist von dem Berliner Wilfrid Israel, einem vergessenen Held und Retter tausender Juden. Der israelische Dokumentarfilmer Yonatan Nir, der bei der Europapremiere beim JFBB zu Gast ist, porträtiert in „Wilfrid Israel – the Essential Link“ den Berliner Geschäftsmann und Leiter des Kaufhauses Nathan Israel in der Spandauer Straße, der sich für seine jüdischen Mitarbeiter, deutsche Juden und Flüchtlinge einsetzte.

Drei Kurzfilme und eine Zusammenstellung von Kurzfilmen ergänzen das Programm der 23. Ausgabe: „The Chop“ von Lewis Rose über einen jungen Metzger in einer koscheren Fleischerei, der gefeuert wird, weil er zu großzügig ist, lief bereits erfolgreich bei Festivals in Palm Springs, Krakau oder Cleveland. „The Scribe“ von Leon Spanier ist ein Kurzporträt über einen jungen Mann, der die jüdische Tradition, heilige Texte mit einem Vogelkiel auf Pergament zu schreiben, fortführen will. Leonhard Hofmann porträtiert in „Shlomi und Mazy“ einen jungen Bariton aus Tel Aviv, der in Berlin auch als Drag Queen auftritt. Das Kurzfilmprogramm „Out of Place“ zeigt zehn deutsch-israelische Kurzfilme junger Filmemacher.

Diskussionsveranstaltung: Mehr Juden ins Kino

Nach der Filmvorführung von „The Chop“ findet in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung eine Podiumsdiskussion unter der Überschrift „Mehr Juden ins Kino“ statt. Es geht darin um die Bedeutung und Aufgabe Jüdischer Filmfestivals in Deutschland, Europa und den USA. Es diskutieren Bettina Jarasch (MdB, Bündnis 90 / Die Grünen), Hannah Brown (Jerusalem Post), Ruth Diskin (Jerusalem Foundation), Aviva Weintraub (Jewish Museum New York / New York Jewish Film Festival), Prof. Frank Stern (Kultur- und Filmwissenschaftler) und Sergey Lagodinsky (Heinrich-Böll-Stiftung)

Sonderreihe „100 JAHRE UFA“: Dem Vergessen Entrissen

In Kooperation mit der UFA, der Filmuniversität Babelsberg und dem Filmmuseum Potsdam anlässlich des 100jährigen UFA-Jubiläums stellt das Jüdische Filmfestival unter der Überschrift „Dem Vergessen Entrissen“ einen der produktivsten jüdischen Drehbuchautoren, Produzenten und Regisseure ins Zentrum einer Hommage: Emeric Pressburger (1902-1988). Als Drehbuchautor und Produzent wirkte er an über 90 Spielfilmen mit und führte selbst bei 17 Filmen Regie. Die gemeinsame Sonderreihe von UFA und JFBB zeigt exemplarisch Pressburgers Filmschaffen bei der UFA, in den Kriegsjahren in London und danach: „The Making of an Englishman“ (Dokumentation von Pressburgers Enkel Kevin Macdonald über seinen Großvater), „Abschied“, „Emil und die Detektive“, „Die schwarze Narzisse – Black Narcissus“ und „The Life and Death of Colonel Blimp“. Die Hommage wurde vom renommierten jüdischen Filmwissenschaftler Prof. Frank Stern kuratiert.

Das komplette Programm und weitere Informationen zum JFBB finden Sie auf www.jfbb.de.

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