M100: Mit starken Impulsen für ein demokratisches Europa

14.09.2017. Mit der festlichen Verleihung des M100 Media Awards an die Gründerin und Geschäftsführerin von Doshd TV, Natalja Sindejewa, ist die internationale Medienkonferenz M100 Sanssouci Colloquium heute Abend in der Orangerie von Potsdam erfolgreich zu Ende gegangen.

Nach krankheitsbedingter Absage von Außenminister Sigmar Gabriel hielt sein Staatssekretär Walter J. Lindner die politische Hauptrede des glanzvollen Abends. An Natalja Sindejewa, die mit ihrem 2010 gegründeten Sender den letzten verbliebenen unabhängigen TV Sender Russlands betreibt, wandte er sich mit einem klaren Bekenntnis zur Pressefreiheit: „Wehret den Anfängen! Es ist wichtig, dass es gute Leute, so wie es unsere heutige Preisträgerin ist, gibt, die immer das Risiko tragen, drangsaliert zu werden. Es ist elementar, dass wir uns hinter diese Leute stellen“. Doshd-TV (Rain-TV) lässt – im Gegensatz zu der Mehrzahl der regierungsnahen Medien in Russland – auch regierungskritische Stimmen zu Wort kommen. 2011 erreichte Doshd TV internationale Aufmerksamkeit, als er als einziger russischer Sender umfangreich über die Proteste nach den russischen Parlamentswahlen 2011 berichtete. In den letzten Jahren wurden Sindejewa und ihre Mitarbeiter immer stärker unter Druck gesetzt. Mittlerweile ist der Sender aus allen Kabel- und Satellitennetzen entfernt worden und nur noch im Internet empfangbar. Werbekunden springen auf Druck der russischen Regierung reihenweise ab, und der Mietvertrag für das Studio wurde Hals über Kopf gekündigt.

Die Laudatio auf Natalja Sindejewa hielt die Chefredakteurin der Bild Zeitung, Tanit Koch. Koch hob die Rolle von Doshd TV hervor: „In drei Worten beschrieben ist Ihr Sender das andere Russland. Denn das andere Russland existiert. Wild, kreativ, liberal, intellektuell und kritisch. Doshd TV ist sein Medium“. Tanit Koch sprach am Ende ihrer Rede die Preisträgerin direkt an: “Natalja Sindejewa, ich habe Demut vor ihrem Mut“.

Natalja Sindejewa selbst bedankte sich für den Preis und rief die anwesenden europäischen Pressevertreter dazu auf, Ehrlichkeit, Mut und Offenheit zu leben, vor allem aber die menschliche Würde als das wichtigste Gut sowohl für die Menschen als für die Medien zu schützen. Erfolg zu haben und dabei nicht zu vergessen, was das Wichtigste im Leben ist: nämlich die Würde, ist für uns bei Doshd elementar.“ Weiter sagte sie: „Ich würde mir wünschen, auch in Russland für unsere Arbeit wertgeschätzt zu werden.“

Unter der Überschrift „Demokratie oder Despotie – Die Renaissance der dunklen Mächte“ diskutierten die rund 70 Teilnehmer der inzwischen 13. Ausgabe des M100 Sanssouci Colloquiums den Tag über die Auswirkungen der aktuellen politischen Entwicklungen, die Weltlage nach den ersten neun Monaten Trump und die Zukunft der Medien und ob sie in der Lage sind, ihrer Aufklärungs- und Orientierungsfunktion nachzukommen. Eröffnet wurde das M100 Sanssouci Colloquium von dem vielfach ausgezeichneten türkischen Journalisten Can Dündar. Der ehemalige Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet hat 2017 in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Recherchenetzwerk Correctiv die zweisprachige journalistische Plattform Özgürüz gelauncht. Er warnte Europa und die Bundesregierung wie auch den Kanzlerkandidaten der SPD Martin Schulz davor, sich von der Türkei abzuwenden. „Europa sollte die Türkei nicht aufgeben.“ Es sei an der Zeit, dass Europa, und insbesondere Deutschland, die Türkei und Erdogan voneinander unterscheidet. „Die andere Türkei: das ist eine Land, das leidet, unterdrückt wird und dennoch weiterhin Widerstand leistet,“ so Dündar in seinem Vortrag.

Die Konferenz gliederte sich sodann in drei Sessions, die jeweils unterschiedliche Aspekte des Leitthemas beleuchteten sowie einen Special Talk.

Session 1 betrachtete unter dem Titel „The Dawning of a new Age“ eine neue Weltspaltung zwischen funktionierenden parlamentarischen Demokratien und autoritären Regierungen. So haben die letzten 10 Krisenjahre statt eines engen, friedvollen Zusammenhalts zwischen den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union nationalistischen Bewegungen Konjunktur verschafft und wachsende Desintegration hervorgerufen. Und nach dem Brexit-Votum und der Wahl Donald Trumps stehen über Jahrzehnte bewährte Strukturen und Gewissheiten in Frage.

Session 2 beleuchtete unter dem fragenden Motto „Failing Democracy“ die Erosion der Zustimmung zur Demokratie und die wachsenden Zweifel an den politischen Entscheidungsprozessen und ihren konkreten Ergebnissen.

Schließlich brach Session 3 unter dem Titel „The New(s) Media“ das Oberthema auf die Rolle und Verantwortlichkeiten der Medien herunter. Denn die Digitalisierung und die wachsende Bedeutung der sozialen Medien scheinen alle zu überfordern. Ein Merkmal der aktuellen Situation ist die Gleichzeitigkeit von Transparenz und Verwirrung, von riesigen Mengen von Fakten und Propaganda.

In einem Special Talk befragte Ingo Mannteufel, Leiter der russischen Redaktion der Deutschen Welle, Natalja Sindejewa zur ihren journalistischen Aktivitäten in Russland. „Unsere Werte konstant hoch zu halten, ist uns Verpflichtung gegenüber unseren Zuschauern. Ehrlichkeit und Transparenz ist uns dabei vor allem wichtig. Denn unsere Zuschauer sind diejenigen, die nachdenken.“

Zu den Teilnehmern des M100 Sanssouci Colloquiums und des M100 Media Awards zählten u.a.Jamie Angus (Chefredakteur BBC Global News, London), Erik Bjerager (Chefredakteur Kristelight Dagbald, Kopenhagen), Can Dündar (Chefredakteur Özgürüz, Berlin), Andrej Dynko(Chefredakteur Nasha Niva, Belarus), Dr. Tobias Endler (Heidelberg Center for American Studies), Monika Garbačiauskaitė-Budrienė (Chefredakteurin Delfi.lt, Vilnius), Ulrik Haagerup(Gründer und CEO Constructive Institute, Aarhus), Lauri Hussar (Chefredakteur Postimees, Tallinn), Tanit Koch (Chefredakteurin BILD, Berlin), Martin Kotthaus (Leiter Europaabteilung Auswärtiges Amt, Berlin), Peter Limbourg (Intendant Deutsche Welle, Berlin), Mathias Müller von Blumencron (Chefredakteur Digitale Medien der FAZ), Dániel Pàl Rényi (Journalist 444.hu, Ungarn), Dr. Christian Rainer (Chefredakteur Profil, Wien), Maria Stepanova (Chefredakteurin Colta.ru, Moskau).

Im Vorfeld des Colloquiums beschäftigten sich 25 ausgewählte Nachwuchsjournalisten aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft, aus Russland sowie aus allen anderen Ländern Europas im Rahmen des fünftägigen Programms M100 Young European Journalists mit dem Thema “How to finance independent Journalism“. Inhalt des Workshop waren in diesem Jahr unterschiedliche Finanzierungsmodelle und –möglichkeiten für Journalismus. Die Nachwuchsjournalisten entwickelten darüber hinaus gemeinsam eigene, unabhängige journalistische Projekte, die abschließend bei einem Pitch in der Konrad-Adenauer Stiftung vor Vertretern unterschiedlicher politischer Stiftungen präsentiert wurden.

Über M100 Sanssouci Colloquium
Das M100 Sanssouci Colloquium ist eine Veranstaltung der Landeshauptstadt Potsdam und des Vereins Potsdam Media International e.V.. M100 wurde 2005 von Jann Jakobs, Lord Weidenfeld und Moritz van Dülmen im Rahmen der Bewerbung Potsdams zur Kulturhauptstadt 2010 initiiert und findet 2017 zum 13. Mal statt.

Gefördert wurde die diesjährige Veranstaltung von der Stadt Potsdam, dem Medienboard Berlin-Brandenburg, dem Auswärtigen Amt und dem National Endowment for Democracy.

Sponsoren: oz capital, medienlabor und Facebook.

Kooperationspartner: Reporter ohne Grenzen, Polis 180, Sourcefabrik, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg sowie VDZ.

Der M100 Young European Journalists Workshop wurde gefördert vom Auswärtigen Amt und der Zeit Stiftung. Kooperationspartner: European Youth Press ICIJ, Association of Young Journalists,  Medieninnovationszentrum Babelsberg, Netzwerk Recherche, Pressclub Belarus, Orange.

Weitere Informationen: www.m100potsdam.org
Bildmaterial zum Download ab 15. September: www.m100potsdam.de/presse.html

Comments are closed.