Special Talk bei M100: Can Dündar im Gespräch mit Kai Diekmann

23.08.2016Can Dündar, der vergangene Woche als Chefredakteur der liberalen türkischen Zeitung „Cumhuriyet“ zurückgetreten ist, stellt sich beim M100 Sanssouci Colloquium am 15. September den Fragen von BILD-Herausgeber Kai Diekmann. Das Gespräch findet in Kooperation mit Reporter ohne Grenzen statt, die Can Dündar und seine Frau seit über eineinhalb Jahren intensiv unterstützen. 

Can Dündar und der Hauptstadtbüroleiter von „Cumhuriyet“, Erdem Gül, wurden in der Türkei in erster Instanz zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sie 2014 über geheime türkische Waffenlieferungen an Islamisten in Syrien berichtet haben. Nachdem die türkische Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen sie eingeleitet hatte, stellte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan im Mai 2015 persönlich Strafanzeige wegen Verdachts auf Spionage und forderte eine lebenslange Haft für beide Journalisten. Im November 2015 wurden Dündar und Gül verhaftet, nach drei Monaten Untersuchungshaft jedoch – gegen den Protest Erdogans – wieder freigelassen. Einen Monat später begann der Prozess gegen die beiden. Am 6. Mai 2016 wurde Dündar der Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen für schuldig befunden und zu fünf Jahren und zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt,  Gül zu fünf Jahren. Beide haben Berufung eingelegt, deshalb ist das Urteil nicht rechtskräftig. Dündar hält sich derzeit im europäischen Ausland auf.

Nach dem Putschversuch in der Türkei hat Dündar verkündet, dass er, solange der Ausnahmezustand gelte, nicht in die Türkei zurückkehren werde. Hier herrsche seit dem Putschversuch „Gesetzlosigkeit“, er  habe kein Vertrauen mehr in die türkische Justiz. Reporter ohne Grenzen hatte „Cumhuriyet“ kurz vor der Verhaftung Dündars und Güls als „Medium des Jahres“ ausgezeichnet und setzt sich mit einer internationalen Kampagne für die beiden verfolgten Journalisten ein.

Mit BILD-Herausgeber Kai Diekmann spricht Can Dündar über die aktuelle Lage in der Türkei, die Rolle und Verantwortung Europas und Deutschlands und wie es mit der Türkei weitergeht.

Der Special Talk findet im Rahmen der internationalen Medienkonferenz M100 Sanssouci Colloquium statt, die am 15. September unter dem Titel  „Krieg oder Frieden“  Chef- und leitende Redakteure, Publizisten, Politiker und Historiker aus ganz Europa zum 12. Mal nach Potsdam einlädt. Rund 70 Teilnehmer diskutieren in der Orangerie von Sanssouci über die Rückkehr geopolitischer Handlungsstrategien, die schleichende europäische Desintegration, die zunehmende Radikalisierung westlicher, nahöstlicher und anderer Gesellschaften sowie über die Rolle und Verantwortung der Medien in diesen Entwicklungssträngen.

Die Eröffnungsrede hält der renommierte Historiker Professor Dr. Dan Diner, der an der Hebräischen Universität Moderne Geschichte lehrt und zwischen 1999 und 2014 Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig war.

Mit dem im Anschluss an die Konferenz verliehenen M100 Media Award wird in diesem Jahr der italienische Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano ausgezeichnet. Seit der Veröffentlichung seines journalistischen Romans „Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra“ werden der heute 36-jährige Saviano und seine Familie von der Mafia bedroht. Er steht unter Polizeischutz und muss ein Leben im Untergrund führen. Damit teilt Saviano das Schicksal einer wachsenden Zahl von Journalisten in Europa und weltweit, die aufgrund ihrer Arbeit bedroht, eingesperrt, gefoltert oder umgebracht werden. Die Laudatio hält ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo.

Weitere Informationen finden Sie hier: http://www.m100potsdam.org

M100 ist eine Initiative der Landeshauptstadt Potsdam und des Vereins Potsdam Media International e.V. Gefördert wird die diesjährige Veranstaltung u.a. von der Stadt Potsdam, dem Medienboard Berlin-Brandenburg und dem Auswärtigen Amt.

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