Investigative Journalisten leben gefährlich

27.07.2016Der Potsdamer M100 Young European Journalists Workshop (9.-15. September 2016) vermittelt Nachwuchsjournalisten aus Europa und Ländern der Östlichen Partnerschaft Techniken und Herausforderungen investigativer Recherche.

„Korruption und Geldwäsche ist allen Entwicklungsländern gemein“, schreibt die 25-jährige Sonya. „Armenien bildet da keine Ausnahme.“  Es gäbe eine Menge Oligarchen in ihrem Heimatland, viele seien im Offshore-Geschäft verwickelt und tauchen auch immer wieder in Skandalen rund um diese Geschäfte auf. Armenische Journalisten, so Sonya, verfügen oft nicht über die Möglichkeiten investigativer Recherche oder werden verfolgt.“ „Auch wenn es heißt, Presse- und Meinungsfreiheit in Armenien würden funktionieren, kann in Wirklichkeit nicht eine einzige Information veröffentlicht werden.“

In Aserbaidschan sieht es nicht anders aus. Meistens wäre es für Journalisten unmöglich, Quellen zu den Themen zu finden, an denen sie arbeiten, so die 23-jährige Aynur aus Baku. Würde man zum Beispiel Fakten über Korruption in einem staatlichen Unternehmen suchen, würde man niemanden finden, der die Fakten bestätigt, weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren oder dass ihre Familie bedroht wird.

Sonya und Aynur sind zwei von 25 jungen Journalistinnen und Journalisten aus 14 Ländern, die in diesem Jahr für die Teilnahme am M100 Young European Journalists Workshop in Potsdam ausgewählt worden sind. 15 kommen aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft (Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Ukraine) und aus Russland, 10 aus weiteren europäischen Ländern, u.a. Großbritannien, Italien, Ungarn, Slowakei und Schweiz.

Das von der Stadt Potsdam 2005 initiierte, englischsprachige Medientraining findet vom 9. bis 15. September in Potsdam statt und vermittelt Ziele, Techniken und spezifische Herausforderungen des investigativen Journalismus.

Die einzelnen Module werden von professionellen Trainern und investigativen Journalisten der diesjährigen Partnerorganisationen Netzwerk RechercheCorrect!vInternationales Consortium Investigativer Journalisten (ICIJ) und dem Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) durchgeführt. Im Mittelpunkt stehen Themenwahl, Planbarkeit von Recherchen, Öffnen und Schutz von Quellen, Auskunftsrechte, Online-Recherche, Sicherheit, Datenschutz sowie Einblicke in die Entstehung der Panama Papers, an denen ICIJ und OCCRP intensiv mitgearbeitet haben.

 

Die 26-jährige Schweizerin Lena hat ebenfalls an den Panama Papers mitgearbeitet. Auch in der Schweiz sei es schwierig, Zugang zu notwendigen Dokumenten zu erhalten, beklagt sie. „Obwohl es ein Transparenzgesetz gibt, verweigert der Staat die Herausgabe von Informationen, die er nach dem Gesetz eigentlich herausgeben müsste.“ Im Vergleich zu Russland sind das eher kleine Probleme, weiß der 24-jährige Andrey aus Moskau. Hier sind Korruption, Kriminalität und die Bedrohung und Ermordung von Journalisten an der Tagesordnung. Das zweite Problem sei jedoch viel größer, meint er, weil es sich über Jahrzehnte in Russland entwickelt habe: Zivile Gleichgültigkeit. „Zwar erkennen immer mehr Russen diese Gesetzlosigkeit“, so Andrey, „aber sie sehen keine Notwendigkeit, das zu ändern. Das finde ich schockierend.“

In der Ukraine haben sich in den beiden letzten Jahren die meisten investigativen Arbeiten mit Korruption in der ukrainischen Regierung befasst, weiß der 23-jährige Oleksii. „Gemeinsam mit Aktivisten und mit Hilfe einiger Abgeordneter haben ukrainische investigative Journalisten die staatlichen Register geöffnet. Das macht den neuen investigativen Journalismus beweiskräftiger, genauer und fundierter, ermöglicht es, Fakten vollständig zu untersuchen und die Realität umfassend wiederzugeben.“

Außer den Workshopmodulen besuchen die Teilnehmer die Bundespressekonferenz und Reporter ohne Grenzen und werden von der Ze.tt-Journalistin Susanne Dickel, einer der erfahrensten 360°-Videojournalistinnen Deutschlands, in die journalistische Nutzung von Virtual-Reality-Brillen eingeführt.

Der Abschluss des Workshops bildet die Teilnahme an der internationalen Medienkonferenz M100 Sanssouci Colloquium, an der am 15. September hochkarätige Vertreter aus Medien, Wissenschaft und Politik unter dem Titel „Krieg oder Frieden“ über die aktuelle politische Situation in Europa und die Rolle der Medien diskutieren. Hauptrednerin ist Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Gefördert wird der Workshop vom Auswärtigen Amt (Journalisten aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft und Russland) und dem National Endowment for Democracy in Washington (restliches Europa). Kooperationspartner sind Correct!vNetzwerk Recherche,  ICIJOCCRP, das Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ), die Vereinigung Europäischer Journalisten und die European Youth Press.

Wenn Sie Interviews mit den Nachwuchsjournalisten führen möchten (Kurzbiografien finden Sie hier http://www.m100potsdam.org/m100-de/jugendmedienworkshop/2016/teilnehmer-2016.html, kontaktieren Sie bitte:

Sabine Sasse

Project Manager

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M100 Sanssouci Colloquium
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