INCONTRI #6 erfolgreich zu Ende gegangen

15.04.2016. Vom 13. bis 15. April lud die Südtiroler Filmförderung IDM rund 80 Vertreterinnen und Vertreter der Film- und Fernsehbranche zur Konferenz INCONTRI #6. Neben ausgiebigen Möglichkeiten zum Networking erlebten die Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz ein so vielfältig wie hochkarätig besetztes Konferenzprogramm.

Brian Pearson, Director of Local Originals, Netflix gab im Gespräch mit dem Journalisten Torsten Zarges zunächst einen Überblick über die Produktionsaktivitäten des On Demand – Giganten, der jüngst die „Geburt eines globalen Televison-Networks“ angekündigt hat. Für Netflix würden „Europäische Produktionen wachsende Bedeutung in der Gesamtstrategie erhalten“.

Mit „Marseille aus Frankreich, „The Crown“ aus Großbritannien, „Suburra“ aus Italien oder „Dark“ von den deutschen Produzenten Wiedemann & Berg sei Netflix auf einem guten Weg, das selbst gesteckte Ziel zu erreichen, mindestens eine Originalserie aus jedem Markt zu generieren. „Aber wir sind aggressiv. Je stärker der Markt, je größer die Zahl der Netflix-Nutzer, desto eher könnten es auch mehr werden“ so Brian Pearson. Netflix gehe es dabei nicht nur darum, den jeweiligen Markt mit heimischen Produktionen zu versorgen, wichtiger sei es, authentische Serienformate auch außerhalb der Einzelmärkte in das weltweite Netflix-Netzwerk einzuspeisen. „Warum sollte sich nicht ein Thai für eine ausgezeichnet erzählte deutsche Serie begeistern können?“.

Dabei setze Netflix im kreativen Prozess nicht so sehr auf die Nutzer- und Nutzungsdaten. Es seien nicht nur eine gute Serienidee und ausgezeichnete Drehbücher für eine erfolgreiche Serie notwendig, es bedürfe auch eines großartigen Teams, das die Ideen der Autoren umsetzt. All dies lasse sich nicht durch Datenanalyse erreichen. „Aber die Technologie hilft uns, die Zuschauer für unsere Programme zu finden und sie hilft, Zuschauer mit dem Programm zusammenzubringen“, so Brian Pearson.

Marco Chimenz, CEO des italienischen Produktionshauses Cattleya und Produzent von „Suburra“ berichtete dann im Gespräch mit Matthijs Wouter Knol über seine Erfahrungen, für Netflix zu produzieren. „Netflix ist ganz offensichtlich eine disruptive Kraft im weltweiten TV Markt. Aber sie verhalten sich nicht so. Sie bauen sich in den Märkten auf eine sehr konstruktive Art und Weise eine Basis auf, mit der man gut und gerne zusammenarbeitet“.

Mit Sky Italy und Sky Deutschland erhielten auch andere Plattformen bei INCONTRI #6 die Möglichkeit, den anwesenden Produzenten darzulegen, welche Inhalte sie suchen. Obwohl die Zusammenarbeit mit der ARD an Tom Tykwers „Babylon Berlin“ ausgezeichnet funktioniere, sucht Marcus Ammon, Sky Deutschland, eher Programme, die ausschließlich auf Sky zugeschnitten sind und meint damit horizontales, modernes Storytelling. Nils Hartmann, Director of Original Productions, Sky Italy, sucht entsprechend den Erfahrungen, die Sky Italy mit italienischen Serien gemacht hat, vor allem authentische, heimische Programme mit guten Geschichten und guten Charakteren.

Der junge deutsche Produzent Jakob Weydemann teilte anschließend seine Erfahrungen, für Sky Deutschland zu produzieren. Er hatte bei INCONTRI #4 Marcus Ammon seine Filmidee zu der schwarzen Komödie „Sex & Crime“ gepitcht. Sky stieg ein und ermöglichte die Realisierung des Films. Nach der Kinoauswertung läuft „Sex & Crime“ bei Sky. „Zusätzliche Player im Markt, denen es wichtig ist, sich von den etablierten Sendern abzuheben, sind eine echte Bereicherung. Gerade für junge Produzenten mit ungewöhnlichen Ideen“, so Weydemann in der Rückschau.

Dies konnte John Lueftner, einer der Gründer der österreichischen Produktionsfirma Superfilm nur bestätigen. Mit „Braunschlag“ oder „Altes Geld“ hat Superfilm Serien produziert, die über die Grenzen Österreichs hinaus Wellen schlugen, nicht zuletzt durch VoD-Plattformen wie Netflix, Amazon oder Sky Go.

Den Nachmittag schloss eine Paneldiskussion mit dem Titel „Zeit für Veränderung – Produzieren für die Zukunft“. Es diskutierten die Produzenten Carlotta Calori, Indigo Film und Jörg Winger, UFA Fiction mit den Senderredakteuren Klaus Lintschinger, ORF, und Christian Granderath, NDR. Lediglich 3 % der Produktionskosten würden in Deutschland für die Drehbuchentwicklung ausgegeben, in anderen entwickelten TV-Märkten, seien es dagegen regelmäßig 8 und mehr %, eröffnete Jörg Winger, kreativer Kopf des deutschen Serien-Welterfolgs „Deutschland 83“ die kontroverse Diskussion. „Gute Bücher sind die Basis für uns, und jede Erhöhung der Investments macht Sinn“ pflichtete ihm Christian Granderath bei. Er betonte aber auch, dass bei allem guten Willen, das serielle Erzählen weiterzuentwickeln, die klassisch erzählte Serien in der ARD immer noch hoch erfolgreich seien und man darauf achten müsse, das „Kind nicht mit dem Bade auszuschütten“.

Der erste Tag  endete mit dem Kamingespräch mit der Beraterin Isabell Buchner von ComingNext.TV. Sie untermauerte ihre Kernthese, dass die TV-Nutzung zunehmend im Multiscreen-Modus stattfindet, mit beeindruckenden Zahlen. So würden inzwischen 97% der Zuschauer im Alter von 14- bis 29 Jahren mehrere Bildschirme gleichzeitig nutzen, meistens ihr Smartphone kombiniert mit dem Fernseher. Ihre Marktforschung bestätigt überdies die allgemeine Beobachtung, dass sich das Fernsehen ins Netz verlagert (OTT). „In dieser OTT-Welt ist es überlebenswichtig, dass detaillierte und individuelle Zuschauerdaten notwendig werden um taugliche Empfehlungssysteme zu kreieren“, so Buchner. Die Sender, sowohl öffentlich-rechtlich als auch privat, müssten dringend ihre Zuschauer kennen lernen und seien noch zu zurückhaltend bei der Sammlung von Daten.

Tag zwei begann mit der abenteuerlichen Geschichte von Annette Reeker, Gründerin und Geschäftsführerin von all-in-production. „Niemand traute uns und unserem Projekt und wir haben auch kein kapitalkräftiges Unternehmen im Rücken“, eröffnete sie ihre Geschichte, über die inzwischen international erfolgreiche, hochkarätig besetzte Serie „Cape Town“, deren Budget pro Episode von 1 Millionen Euro über private Geldgeber finanzierte und selbst als Autorin und Showrunnerin umsetzte. „So etwas alleine zu machen, ist ein harter Job. Da benötigst Du viel Mut“, fasste sie die Projektgenese zusammen.

Georg Ramme, Global Managing Director Endemol Shine Beyond und  international anerkannter Experte im Bereich „Online Video“, lieferte in seiner Keynote zu „Strategien zu Premium Online Content“ andere Erfolgsgeschichten, die ebenfalls ohne Senderbeteiligung eine große Zahl von Zuschauern erreichten. Für ihn sind die kurzförmigen Online Videos, etwa für YouTube, ein eigenständiges Genre, deren Erfolg sich aber anders bemisst als herkömmliche Inhalte. So zähle nicht nur die Anzahl der Views, vielmehr seien auch das „Engagement“ der Zuschauer und ihre Verweildauer wichtige Erfolgsfaktoren. Herkömmliche Mechaniken treffen auf neue Geschäftsmodelle, auch wenn es bpsw. darum geht, erfolgreiche Formate weltweit auszurollen, wie es Endemol mit zwei YouTube-Kanalformaten gelungen ist. Sein Ausblick für das Genre: „Online Video hat eine große Zukunft!“

In ihrer Casestudy gaben Produzentin Claudia Lehmann und Schauspielerin, Bloggerin und Autorin Tanya Neufeldt ein Beispiel für eine erfolgreich umgesetzte Webserie und ihr fein gesponnenes Geflecht aus Finanziers und Reichweitenpartnern. „Die Markenpartner folgten dem Inhalt, wir haben den Inhalt nicht an die Bedürfnisse der Partner für ihre Markenkommunikation angepasst. Das ist sicher eines der grundsätzlichen Erfolgsfaktoren für unsere kleine Serie“, so Neufeldt in ihrer Präsentation.

Ein weiteres Online-Format, das in eine Webserie eingewobenes interaktives Spiel „Tell me more“, stellten die Produzenten Carlo Cresto-Dina und Valeria Jamonte vom italienischen Produktionshaus Tempesta vor. Angesiedelt auf RAIs Onlineplattform RAY, spricht es in erster Linie Mädchen an und lädt sie inzwischen höchst erfolgreich zum Mitmachen und zum Austausch ein.

Den Konferenzabschluss bildete eine Think Tank Session in der alle INCONTRI #6 – Teilnehmer vom Norwegischen Topmanagement Coach Petter Braathen aktiviert wurden, zu formulieren, was sie aus den zwei Konferenztagen mitnehmen und wie sich ihre Erfahrungen auf ihren Arbeitsalltag auswirken mögen.

Im Anschluss an INCONTRI #6 startete erstmals das INCONTRI Lab!, das sich mit dem Thema Koproduktionen und Finanzierungsmöglichkeiten in den Kernländern Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien befasste. Jan Krüger (Port au Prince Film & Kultur Produktion) gab einen Überblick über den Stand der Realisierung des Kinofilmprojekt „Iceman – Rache“ über die letzten Tage des Ötzi, Cornelia Hammelmann (DFFF) berichtete über den deutsch-italienischen Developmentfonds und es stellten sich die Projekte aus der IDM-Initiative RACCONTI Local Talent vor.

Zu den Gästen von INCONTRI #6 zählten neben den Referenten u.a. die deutschen Filmförderer Peter Dinges (FFA), Cornelia Hammelmann (DFFF), Manfred Schmidt (MDM) und Klaus Schaefer (FFA) sowie die Produzenten Annie Brunner (Roxy Film), Phillipp Budweg (Lieblingsfilm), Andreas Eicher, Henning Kamm (Detailfilm), Jan Krüger (Port au Prince), Michael Lehmann (Studio Hamburg Produktion Gruppe), Gabriela M. Walther (Caligari Film) und Jakob D Weydemann (Weydemann Bros), Veit Heiduschka (Wega Film), Alexander Dumreicher-Ivanceanu (Amour Fou) u.v.m.

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